Frankfurter Allgemeine, Kritik in Kürze: Die Aquarianer
Apokalyptiker haben auch in der Belletristik Hochkonjunktur. Das kann leicht zu einer gewissen Weltuntergangsübersättigung, zu einem Katastrophenvöllegefühl führen. Dagegen wirkt der Roman des Schweizer Autors Christoph Braendle wohltuend leicht, weil er in einer zeitlos schwebenden Prosa geschrieben ist und am Ende trotzdem die ganz Menschheit in einer zweiten Sintflut ertrinken lässt. In einem Bergland, das der Schweiz und Österreich sehr ähnlich ist, beginnt es unaufhörlich zu regnen. Gustav, der eigentlich mit seiner Frau Gerlinde in die Südsee wollte, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen (Tauchkurs, Korallenriffs, Fische), bleibt daheim, weil die Gattin ihre Flugangst nicht überwinden kann. Im Dauerregen kommt es zur Ehekrise, und Gustavs Welt verliert ihre Verankerung. Die Wiederbegegnung mit dem Jugendfreund André, der einenr millionenschweren ‚Allgemeinen Beteiligungsgesellschaft’ vorsteht, wendet das Blatt. André will bauen, was Gustav bloss so dahergesagt hat: ein Binnenmeer für Taucher. Eine Clique tiefdenkender Aquarianer bildet den Konterpart zu dieser renditegetriebenen Naturverhöhnung. Im Tonfall stifterscher Rosenbetrachtung versinkt diese Welt zu Recht – so folgerichtig und charmant kann der Weltuntergang auch sein, wenn nur die passende Arche bereitsteht.
FAZ 14.5.09
hhm
