Archiv der Kategorie ‘Besprechungen‘

 
 

“Der Meermacher” in einer Kritik von Klaus Hübner auf der Website des Goethe-Instituts

Who will stop the rain? Christoph Braendles Roman „Der Meermacher“

Die Darstellung des Weltuntergangs ist seit je ein großes Thema der Kunst und Literatur. Der in Wien lebende Schweizer Autor Christoph Braendle greift es in seinem brillanten Roman „Der Meermacher“ wieder auf. Das Buch ist einer der brisantesten Beiträge der deutschsprachigen Literatur zur Weltwirtschaftskrise.

In einer „zeitlos schwebenden Prosa“ verfasst, komme dieser jüngste literarische Weltuntergang direkt „charmant“ daher, meinte die Frankfurter Allgemeine Zeitung; die Wochenzeitung Die Zeit brachte eine fast euphorische Besprechung. Gute Literatur offenbar, dieser Meermacher, aber bisher ohne größere Wirkung. Ob man Braendles außergewöhnliches, packendes und umwerfend geschriebenes Buch erst richtig entdecken und würdigen wird, wenn seine Prophezeiung eingetroffen sein wird? Aber wer sollte dann …?

Die vollständige Rezession findet sich unter: http://www.goethe.de/kue/lit/thm/aug/de4936135.htm

Neue Zürcher Zeitung: Hinweise auf Bücher

Dahin und dorthin schweifend

In der Nähe der oberösterreichischen Ortschaft Kremsmünster steht ein Baum, der sich “mitten in der Welt” befinden soll. Aber wie wir längst zu wissen glauben, ist MItte kein fester Begriff, er verschiebt sich vielmehr nach persönlichem Gutdünken und gleitet auch nicht selten in Randzonen. So entdeckt sie der neugierige Reporter in St. Pölten oder Weimar, aber auch in der Heimatstadt Zug, die einst für den Knaben die Welt gewesen ist. Christoph Braendle, der 1953 geborene Schweizer Autor, welcher seit langem in Wien lebt, hat Aufzeichnungen, Resultate seiner ausgedehnten Reisetätigkeit, in einem anregenden Band vereinigt. Seine Texte, die locker das Thema “Mitte” um spielen, reichen indessen über Reportagen hinaus. Der genau beobachtende Schreiber leugnet nicht seine innere Beteiligung, und immer wieder einmal fährt eine poetische Brise durch die Texte. Dabei stellen sich in der Wahl der beschriebenen Lebenswelten frappierende Kontraste ein. Das exentrische Transvestiten-Milieu in New York mit den oftmals tragischen Schicksalen seiner Gestalten behauptet sich neben der Ländlichkeit eines Volksstücks aus Oberösterreich, neben den Bluttaten des unauffälligen Ehepaars in Thüringen, der Schilderung eines unaufhaltsamen Wachstums im marokkanischen Essaouira oder einem Bericht aus Rwanda. Immer aber erzählt Christoph Braendle unaufgeregt, von sanfter Ironie getragen. Er beherrscht die Kunst der Beiläufigkeit, die Sprache der Verknappung.

Christoph Braendle: Reportagen aus der Mitte der Welt. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2010. 298 S.

8. Juli 2010; Beatrice Eichmann-Leutenegger.

Klaus Hübner in den “Schweizer Monatsheften über den “Meermacher

Klaus Hübner: Viel mehr Meer als wir wollten!

Merkwürdig ist das schon: da schreibt ein nicht ganz unbekannter Autor einen pünktlich zur globalen Finanzkrise erscheinenden Roman, in dem es zentral um deren Ursachen geht und der ganz konsequent auf ein Weltuntergangsszenario hinausläuft – und fast niemand beachtet ihn. Da verfasst, ein halbes Jahr später, kein Geringerer als der Feuilletonchef der renommierten deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» eine diesen Roman über Gebühr lobende Besprechung – und wiederum geschieht nicht viel. Wird man dieses aussergewöhnliche, packende und umwerfend geschriebene Buch erst richtig entdecken und würdigen, wenn seine Prophezeiung eingetroffen ist? «Der Meermacher» ist ohne Zweifel das bisher beste Buch des ungewöhnlich vielseitigen Autors Christoph Braendle…

Den Text zu diesem Artikel finden Sie in der Ausgabe 970/Juli 2009 der «Schweizer Monatshefte».

DIE ZEIT vom 19.3. 2009

Meermacher

Die Literatur weiß mehr von den Krisen unserer Tage, als wir ahnen

Die Finanzkrise hat für einen historischen Moment die Beschäftigung mit der Klimakatastrophein den Hintergrund gedrängt. Man wird aber den ungemütlichen Eindruck nicht los, es könne sich im Rückblick als fatale Ablenkung von dem größeren Problem erweisen – wie bei einem Krebspatienten, dessen dringende Operation verschoben wird, weil eine Halsentzündung mit Fieber dazwischengekommen ist. Nun ist die Finanzkrise, die sich gerade zu einer Weltwirtschaftskrise auswachst, gewiss mehr als eine Halsentzündung. Aber kann es wirklich sein, dass die Gefährdung des Weltfinanzsystems genauso schwer wiegt wie die Klimakatastrophe, die das Überleben der Menschheit gefährdet?
Das könnte in der Tat sein; jedenfalls wenn man versuchsweise die beiden Probleme zusammendenkt. Im letzten Jahr ist, von der Öffentlichkeit nur wenig beachtet, ein Roman des Schweizer Schriftstellers Christoph Braendle erschienen, der diesen Versuch unternommen hat. Der Meermacher, ein apokalyptischer Science-Fiction-Roman, endet mit der ultimativen Klimakatastrophe, einer Wiederholung der biblischen Sintflut. Die Menschheit ertrinkt. Aber in der Entwicklung dahin entfaltet der Autor das ganze Leichtfertigkeitspanorama unserer Wirtschaftsweise. Es treten die gut bekannten Projektemacher auf, die Finanzjongleure, die Marketingpropheten, die Banken und die anhängigen Betrüger. Der Weg in den Weltuntergang ist mit haltlosen Renditefantasien gepflastert.
Die Sintflut, das ist Braendles abgründige Pointe, ist eine Geschäftsidee. Und die geht so: Warum, so fragen sich die bizarr cleveren Geschäftsleute seines Romans, sollen eigentlich die Touristen zur Sommerfrische ans Meer reisen? Ware es nicht viel besser, das Meer umgekehrt zum Kunden zu bringen? Die Geschäftsleute wollen deshalb ein gewaltiges künstliches Meer mitten in der Schweiz anlegen. Und was tut Gott? Das Meer kommt tatsächlich, aber es ist nicht das geplante, es ist ein alles übersteigendes, die Schweiz und schließlich die Welt vernichtendes.
Manchmal, in der öffentlichen Diskussion unserer Krisen, wird vorwurfsvoll gefragt, ob denn die Schriftsteller nichts dazu zu sagen hätten. Die dabei nicht formulierte, aber mitgedachte Unterstellung lautet: Die Künstler stehen heiter abseits, wahrend der Bürger sich plagen muss. Nun, die Schriftsteller haben durchaus etwas zu sagen. Sie haben es sogar schon gesagt, sind aber nicht gelesen worden. Auch, zum Beispiel, dass der Untergang des Sozialismus nicht die demokratische Gesellschaft bringen wird, sondern eine Regression zu ältesten Feudalverhältnissen, eine Wiederkehr archaischer Patriarchen und Sippenstrukturen, ist schon formuliert worden, nämlich von dem Russen Boris Chasanow, in seinem Roman Vogel über Moskau. Er erschien im Jahre 1998.
Die Beispiele liesen sich wahrscheinlich mühelos fortsetzen. Es ist an der Zeit, die Literatur der letzten zehn Jahre endlich zur Kenntnis zu nehmen – und vor allem, was sie zu den Krisenszenarien unserer Tage zu sagen hat. Könnte durchaus sein, dass sie das ganze Elend schon vorausgesehen und erschöpfend analysiert hat.
JENS JESSEN