In Afrika ist so viel Welt
In seinem skurrilen Entwicklungsroman „Onans Kirchen“ schickt Christoph Braendle einen Manager in die Wüste.
Von Sebastian Gilli, Der Standard vom 5. Mai 2012
Von seinen Reisen weiss der Weltenbummler Christoph Braendle viele Geschichten zu erzählen, die der seit 25 Jahren in Wien lebende Schweizer Schriftsteller abseits gewöhnlicher Tourismusorte findet. Die südlichen Länder Afrikas hinterliessen einen starken Eindruck. Dorthin, nach Harare, in die Hauptstadt von Simbabwe, verlegt Braendle das Eingangssetting seines neuen, skurrilen Tagebuch-Romans Onans Kirchen und lässt Parsifal, den erfolgreichen, zum „Regionaldirektor Südliches Afrika“ beförderten Manager eines Weltkonzerns am Flughafen ankommen.
Der alttestamentarische Prophet Onan sowie Richard Wagners Parisfal bilden den Charakter von Braendles Helden, einem 40-jährigen Lebemann, der sich über Arbeit und Erfolg definiert und seine Zielstrebigkeit ebenso nachdrücklich bei Frauen einsetzt. Seite um Seite lernt er neue Frauen kennen. „Weil Frauen wie Instrumente sind, weiss man erst, wie sie klingen, wenn man sie spielt.“
Doch seine Minnedienste erfüllen sich nicht in gewünschter Form, das rein Sexuelle verwandelt sich in die Sehnsucht nach ehrlicher Liebe. Midlife-Crisis? Vielleicht auch, aber so unoriginell ist Braendle nicht und gestaltet das Ich vielschichtig.
„Parisfal“ steht Pate für das Suchende, Onan, der Widersacher Gottes, stellt ihm das Visionäre, das Traditionen-Verweigernde zur Seite. Der Titel des Buches klärt sich zwar, wirkt aber seltsam bemüht. Wie ein Manager aussehen kann, der sich und seine Arbeit hinterfragt, zeigt Braendle in ironischer Überspitzung und gelungener Komik.
Die Geschäfte der Firma in Simbabwe laufen dank des fleissigen einheimischen Assistenten Munashe reibungslos. Parisfal hat fast nichts zu tun; seine Arbeitskraft ist plötzlich überflüssig. Angewidert vom Rassismus im postkolonialistischen Herrschaftsdenken der dortigen Weissen, begibt er sich ins Landesinnere. Aus einem Kurztrip wird eine mehrjährige Gralssuche. Zunächst auf steter Lauer nach neuen Eindrücken, verfällt er am Karibasee der Süsse des Müssiggangs und baut sich allmählich eine eigene Gedankenwelt auf. In der Wüste, dem Ort des Rückzugs und der biblischen Erkenntnis, sieht er sich als Hoffnungsträger für einen neuen Menschen, der, Onan ähnlich, die scheinbar in Stein gemeisselte Gottesmacht der Konzerne entlarvt.
Wenn sich der Opernliebhaber am Ende tatsächlich in Bayreuth wiederfindet – „Die Verwandlung meiner Existenz war gewaltig, ein Schicksal von wagnerianischer Dimension“ -, hat sich auch seine Sprache im Tagebuch verändert. Der lockere, flapsige Stil ändert sich gemäss der inneren Wandlung in einen ernsteren, aber nie schwermütigen Ton.
Die Tagebuchform für den Entwicklungsroman, opernhaft in drei Aufzüge eingeteilt, ist geschickt gewählt und erlaubt dem Utopisten Parsifal, sich zu widersprechen, assoziativ zu kommentieren, sich ins Wort zu allen. Es lohnt sich, mit Braendle nach Afrika zu reisen, wo „so viel Welt ist“.
Christoph Braendle, „Onans Kirchen“, € 21.90 / 274 Seiten. Czernin Verlag, Wien 2012.

